Es ist schon ein Weilchen her…….. und sicherlich ist es ratsam, wenn ich hier ein wenig weiter aushole, damit die Schilderung meiner „Dufterinnerung“ im rechten Kontext gesehen wird.
Düfte haben mich nie interessiert. Zumindest nicht bis vor einigen Jahren. Es war um diese Jahreszeit, als mein Riechorgan, krankheitsbedingt, seinen Dienst sukzessive einstellte; nach mehreren Wochen begann auch mein Geschmacksinn zu leiden. Eine OP sollte Abhilfe schaffen. Den Termin dafür wollte ich aber möglichst in weite Ferne (nach den Abiturprüfungen) legen. Für eine Woche Krankenhausaufenthalt schien mir die Zeit zu knapp.
Ostern verbrachte ich dann in der HNO-Abteilung einer Klinik…….und der Operateur ein kleines Wunder. Auch wenn es sich um einen Routineeingriff handelte, war das Ergebnis für mich überaus beglückend. Nach Monaten konnte ich wieder………riechen.
Erst dann, wenn man dieser Sinneswahrnehmung eine Weile verlustig ging, lernt man sie richtig zu schätzen. Mein Interesse an Düften jeglicher Art war geweckt.
Jahre später hatte ich ein Déjà-vu, als ich im Kino „Das Parfum“ sah und dort auch Jean-Baptiste Grenouille seine Umwelt „nasal“ erkundete. Hat mich doch arg an meine ersten Tage mit sich langsam erholender Nase erinnert….
Zeitgleich mit meiner damaligen Genesung wurde ich zum Duft-Junkie.
Diese „Sucht“ konnte bislang nicht therapiert werden; soll sie auch nicht.
Düfte faszinieren, sagen über die Trägerin/den Träger mitunter eine Menge aus…..
Und so kommen wir zu meinem prägendsten Dufterlebnis:
Die Abiturprüfungen liegen schon lange hinter mir, Duft-technisch habe ich mich irgendwo zwischen den Werken von „Lorenzo Villoresi“, „Washington Tremlett“, „Byredo“, „Montale“, „Czech & Speke“, „L’Artisan Parfumeur“ und natürlich „Creed“ einsortiert.
Meinen Duft wähle ich je nach Stimmung oder auch Anlass.
Frauen, die dies ebenso tun……., wecken zumindest mein Interesse.
So auch Ines.
Die Verhandlungsdelegation eines von mir betreuten Kunden hatte sich avisiert und rückte pünktlich an. Nachdem die Besucher im Konferenzraum ein Plätzchen gefunden hatten, mit warmen/kalten Getränken, sowie Plätzchen versorgt waren, durfte man auf die anstehenden Verhandlungen gespannt sein.
Es herrschte ein weitestgehend einheitliches Bild in der Runde: gedeckte, langweilige Anzüge, weiße Hemden, Krawatten. Man „tastete“ sich bereits während des Smalltalks ab, um einen Eindruck vom jeweiligen Gegenüber zu gewinnen; schließlich war jeder darauf bedacht, seine Verhandlungsposition zu verteidigen/durchzusetzen.
Ines, die einzige Frau in der Runde, stach aus der „gegnerischen“ Phalanx heraus, was wohl primär an ihrem blonden Schopf lag, welcher sich korrekt frisiert und verknotet präsentierte. Ein deutlicher Kontrast zu ihrem schwarzen Outfit. Alles schwarz, mal abgesehen von der weißen Bluse.
Nach einer kleinen Weile wurde meine Nase „geweckt“. Irgendwas hatte Alarm ausgelöst; ein formidabler Duft. Doch woher konnte der wohl kommen? Meine Sensoren hatten sofort Ines als Urheber ausgemacht und in meinen Kopf begann die Analyse; sowohl die des Duftes, als auch die der Trägerin.
Schwarzes Outfit, wie gesagt, garniert mit passenden Accessoires:
- Konferenzmappe: Leder, schwarz
- Füllfederhalter: Montblanc-Meisterstück, schwarz
- dezenter Ohrschmuck
- schlichter Ring
Hier passte wirklich alles. Schmuck und Clip des Schreibgerätes waren wohl aus Silber. Passte auch besser zu Ines. Viel besser.
Mein visueller Check war schnell abgeschlossen. Hier stimmte alles. Erschreckend perfekt. Vielleicht sogar zu perfekt?
Der Duft……, was war mit dem Duft?
- frisch
- eine Prise Vetiver (ich liebe Vetiver)
- kühl (so wollte die Trägerin auch wirken, denke ich)
- durchaus präsent, aber nicht aufdringlich
- von subtiler Eleganz
Wann ist mir dieser Duft schon mal begegnet? In meinem eigenen Fundus? Ich habe (unauffällig) geschnüffelt und kam mir schon vor, wie ein junger Trüffelhund, der begierig darauf ist, die edle Knolle aufzutun. Mein Jagdinstinkt war geweckt.
Gurke. Es war eine Prise Gurke in dem Duft. Ganz bestimmt.
Jetzt klingelte es.
Bond No.9: „Wallstreet“.
Zwar ein Unisex-Duft, aber getragen von einer Frau? Das war für mich ein Novum.
Wallstreet. Klar doch. Was für ein Duft hätte besser zu dieser kühlen Blondine und ihrem distinguierten Habitus gepasst?
Ich war fasziniert und (für einige Augenblicke vom eigentlichen Thema) abgelenkt. Wallstreet machte Ines vielleicht noch ein wenig interessanter und sympathischer. Und Ines wiederum war eindeutig der Sympathie-Pol in der Kundendelegation. Wer eine so angenehme Aura verbreitet, mit dem kann man(n) doch auch vernünftig reden und eine Einigung erzielen?
Klar doch. Man kann.
Aus diesem Grunde wurden dann die Besucher auch am Abend vom Hotel abgeholt und zum gemeinsamen Essen ausgeführt.
Interessant: Ines hatte auch ohne Business-Outfit eine bezaubernde Ausstrahlung und offensichtlich noch einen weiteren Flakon im Gepäck.
Die Sitzordnung war nun deutlich lockerer (keine starren, sich gegenüber positionierte Fronten) und meine Nase wurde abermals von Ines herausgefordert: Bandit, aus dem Hause Piguet.
Wow.
Hat mich tagsüber die kühle, würzige Frische von Wallsteet in ihren Bann gezogen, so wurde ich jetzt von Rosen und Nelken, sowie der (für „Mädchen“ doch recht mutigen) Ledernote verzaubert. Und natürlich von Ines.
Fazit: ein toller Tag, voller subtiler und bleibender Impressionen.
Mein besonderer Dank gilt den Parfumeuren, die diese kleinen Kunstwerke geschaffen haben. Dank auch an die höhere Instanz, welche die zu diesen Düften passenden Frauen zu verantworten hat.
Frauen, wie Ines. Davon gerne mehr.
super Erlebnis, toll geschrieben, aber wie gingen die Preisverhandlungen aus? Haben die Düfte diesbezüglich mehr Inis oder dem Autor geholfen? Bitte Stellungnahme und Info (Fortsetzung)